Doppeltes Gedenken

Veröffentlicht in Kultur mit den Tags , , , , am 27/01/2012 von Der rote Emscherbote

Eine schöne Gedenkveranstaltung hat das streitbare Ehepaar Heike und Andreas Jordan zum diesjährigen Internationalen Holocaust-Gedenktag am 27. Januar 2012 organisiert. Etwa 50 Personen folgten der Einladung des Gelsenzentrums und beteiligten sich ab 18.30 Uhr am Schweigemarsch vom Bahnhofsvorplatz zum Neumarkt sowie an der dortigen Gedenkveranstaltung.

Anlass für den Gedenktag ist in Gelsenkirchen ein Doppelter. Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee die letzten Überlebenden des Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz. Aus diesem Anlass wird inzwischen jedes Jahr in vielen Ländern der Erde an den industriellen Massenmord der Nazis erinnert. Zugleich wird hier in Gelsenkirchen an die erste Deportation jüdischer Männer, Frauen und Kinder am 27. Januar 1942 aus Gelsenkirchen in das Ghetto Riga erinnert, welches sich in diesem Jahr zum 70. Mal jährt.

Unter den Teilnehmenden fanden sich Mitglieder der verschiedenen linken Parteien in Gelsenkirchen (Die Linke, DKP, MLPD), Mitglieder der VVN und ein Mitglied von Bündnis 90/Die Grünen. Die Gelsenkirchener Stadtspitze wie auch Vertreter der etablierten Parteien und der Demokratischen Initiative glänzten durch ihre Abwesenheit.

Auf dem Neumarkt erinnerten in ihren Reden Roman Franz vom Landesverband der Sinti und Roma NRW, Dr. Michael Krenzer von den Zeugen Jehovas und Marianne Konze für die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes an die Geschehnisse. Zwischen den Redebeiträgen wurde die Veranstaltung mit Tonkonserven von Bettina Wegner aufgelockert. Weiter sprachen unter anderem Toni Lenz für die MLPD und Bärbel Beuermann für die Die Linke. Beide warnten angesichts der aktuellen Erfahrungen mit NPD-Aufmärschen, Nazi-Überfällen, -Anschlägen und der Zwickauer Terrorzelle vor einem weiteren Erstarken der Neonazis. Andreas Jordan schloss die Veranstaltung mit seinem Wortbeitrag über die Deportation der Gelsenkirchener Juden 1942 nach Riga.

Kalt war es, als wir uns kurz vor 20 Uhr trennten.

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„… bei Aushebungen in Warschau …“

Veröffentlicht in Geschichte, Kultur mit den Tags , , , , , , am 19/01/2012 von Der rote Emscherbote

Morgen vor 70 Jahren, am 20. Januar 1942, fand in Berlin die Wannseekonferenz statt, auf der hochrangige Nazis die „Endlösung der europäischen Judenfrage“ besprachen. Das Protokoll führte Adolf Eichmann. Hinter der oberflächlich verklausulierten Sprache der Nazis, in der es um „Arbeitseinsatz im Osten“ und „Sonderbehandlung“ geht, kann man unschwer die tatsächlichen Absichten erkennen. Es ging den Nazis um organisatorische Absprachen zur Durchführung eines europaweiten Massenmordes.

Eberhard Jäckel hatte das anlässlich der Debatte um das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin wie folgt treffend zusammengefasst: „Es war neuartig und insofern, als es geschah, einzigartig, daß noch nie zuvor ein Staat beschlossen hatte, eine Gruppe von Menschen, die er als Juden kennzeichnete, einschließlich der Alten, der Frauen, der Kinder und Säuglinge ohne jegliche Prüfung des einzelnen Falles möglichst restlos zu töten, und diesen Beschluß mit staatlichen Maßnahmen und Machtmitteln in die Tat umsetzte, indem er die Angehörigen dieser Gruppe nicht nur tötete, wo immer er sie ergreifen konnte, sondern in vielen Fällen, zumeist über große Entfernungen und überwiegend aus anderen Ländern, in eigens zum Zweck der Tötung geschaffene Einrichtungen verbrachte.“

Aus Gelsenkirchen nahm übrigens der Gauleiter Westfalen-Nord, Alfred Meyer, in seiner Eigenschaft als Staatssekretär im Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete an der Wannseekonferenz teil.

Aus Anlass dieses Datums und als Beginn der „Woche der Erinnerung“ zeigte Gelsenzentrum e.V. heute in der flora den Film „Nacht und Nebel“, eine Produktion des französischen Regisseurs Alain Resnais aus dem Jahre 1955. Der halbstündige Dokumentarfilm zeigt Schwarzweiß-Aufnahmen aus der Nazizeit kombiniert mit Farbaufnahmen, die von den Alliierten nach der Befreiung der Konzentrationslager gemacht wurden. Das grün überwucherte Lagergelände und gesprengte Gaskammern der Gegenwart der 1955er Jahre werden als Kontrast für die Aufnahmen verfolgter, deportierter, erniedrigter und ermordeter Menschen gezeigt. Gleichzeitig zeigt der Film, wie Hartmut Hering in seiner Einleitung darstellte, dass ein Konzentrationslager nichts Unvorstellbares ist, sondern von Menschen gemacht wurde. Im Film heißt es dazu sinngemäß, auch ein KZ benötigt Architekten, Baupläne, Kostenvoranschläge. Nicht zuletzt wirkt „Nacht und Nebel“ durch die Musikbegleitung Hanns Eislers und durch den Text von Paul Celan auf eine Weise, die ich nur schwer in Worte oder Gefühle ausdrücken kann.

Ein Beispiel dazu:
Wer den Film sieht, sieht ihn mit eigenen Augen, vor dem Hintergrund eigenen Wissens und bereits gesehener Bilder und Filme. Tief getroffen hat mich eine Szene, in der über ein Foto die Textzeile „… bei Aushebungen in Warschau …“ gesprochen wurde. Hier wurden mit einer Reihe von Fotodokumenten gezeigt, wie Nazis und Kollaborateure in besetzten Ländern Juden zur Deportation zusammen trieben. Das Foto zur Textzeile „… bei Aushebungen in Warschau …“ dagegen zeigt einen Ausschnitt des weltberühmten Fotos des jüdischen Jungen, der sich ergibt. Das komplette Foto zeigt die letzten Überlebenden des Aufstands des Warschauer Ghettos 1943, wie sie sich ihren SS-Peinigern ergaben. Hier muss man wissen, dass die Juden des Warschauer Ghettos, als sie den Aufstand wagten, wussten, was ihnen (auch sonst) bevorstand. Sie kämpften nicht um ihr Leben, sie kämpften um ihre Würde. Die Nazis konnten diesen Aufstand nur niederschlagen, indem sie Haus für Haus eroberten, ausräucherten, sprengten und niederbrannten. Am Ende konnte SS-General Stroop seinen Vorgesetzten melden, dass der „jüdische Wohnbezirk“ in Warschau nicht mehr existierte, ausgelöscht war. Mit diesem Wissen das Foto zu sehen und die Textzeile „… bei Aushebungen in Warschau …“ zu hören machte mich sprachlos, macht es mir unmöglich angemessene Gefühle zu äußern. Zeigt in diesem kleinen Detail das Ziel der Aushebung gleich mit: Auslöschung!

Die Filmvorführung war gut besucht, neben den zu erwartenden Besuchern hatte eine Geschichtslehrerin eines Gymnasiums ihre Klasse mitgebracht. Nach dem einleitenden Referat von Hartmut Hering und dem Film selbst folgte eine Diskussion über Einsatzmöglichkeiten und Wirkung des Films wie aktuelle Fragen, die der Film prophetisch vorwegnimmt, bevor die Veranstaltung nach zwei Stunden ihr Ende fand.

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Woche der Erinnerung“ von Gelsenzentrum folgen noch zwei weitere Veranstaltungen, auf die ich hinweisen will.

Am Donnerstag, dem 26. Januar 2012 findet wieder um 19 Uhr in der flora die Vorführung eines Videomitschnitts statt. Rolf Abrahamsohn, 86jähriger jüdischer Überlebender, berichtet über seine Deportation aus Gelsenkirchen und seinen Leidensweg durch verschiedene Konzentrationslager.

Am Freitag, dem 27. Januar 2012 findet ab 18.30 Uhr auf dem Bahnhofsvorplatz die Gedenkveranstaltung „Gelsenkirchener Lichter“ anlässlich des Holocaust-Gedenktages statt. Das Datum markiert zugleich die erste Deportation Gelsenkirchener Juden.

Ferner findet am 31. Januar 2012, einen Tag nach dem Jahrestag der sogenannten „Machtergreifung“ der Nazis 1933, in der Volkshochschule Essen um 19 Uhr eine Veranstaltung mit Beate Klarsfeld statt, die mir noch durch die Ohrfeige für den damaligen Bundeskanzler Kiesinger (CDU, vormals NSDAP) bekannt ist und die über den FDP-Politiker Ernst Achenbach (vormals NSDAP und SS) referiert, der sein in den Reihen der Freien Demokraten offenbar wenig bekanntes Vorleben der Nazizeit beschwieg und innerhalb der nordrhein-westfälischen FDP Anfang der 1950er Jahren eine „nationale Sammlung“ alter Nazis anstrebte.

BILD Dir ein, Du bist Bundespräsident!

Veröffentlicht in Politik mit den Tags , , am 10/01/2012 von Der rote Emscherbote

Dass die BILD nicht als Schwert und Schild der Pressefreiheit taugt, dürfte jedem klar sein, der Günter Wallraffs „Der Aufmacher“ gelesen hat oder sich anderweitig über die Methoden der BILD informiert hat. Daher rührt mein Unwillen, mich mit den Problemen unseres Staatsoberhauptes näher zu beschäftigen. Doch glücklicherweise gibt es so entgegengesetzte Zeitungen wie die konservative FAZ und die grün-alternative taz, die beide etwas m.E. wesentliches zum Thema zu sagen haben. Man möge es dort nachlesen.

Für mich repräsentiert unser Bundespräsident nicht die Bundesrepublik Deutschland, sondern lediglich eine politische Klasse, die nicht für die Politik, sondern von der Politik lebt (Max Weber) und sich für zinsgünstige Darlehen, kostenfreie Urlaube, Bonusflugmeilen, Aufsichtsratsposten und was weiß ich noch alles kaufen lässt. Solche Politiker brauchen wir nicht!

Faschisten in unserer Stadt (II)

Veröffentlicht in Politik, Recht mit den Tags , , am 07/01/2012 von Der rote Emscherbote

Über die bundesweit aktive „Zwickauer Terrorzelle“ haben die Medien ausführlich berichtet. Inzwischen wird in weiteren ungeklärten Mordfällen und Attentaten überprüft, ob diese auch auf das Konto der Terroristen gehen. Dazu gehört beispielsweise auch ein bislang ungeklärter Mordversuch in Duisburg-Meiderich aus dem Jahre 2003 an einem türkischstämmigen Gastwirt.

In Gelsenkirchen dürfte der Anschlag auf ein Jugendheim der Falken in Gelsenkirchen noch vielen in Erinnerung sein. Ganz vergessen haben werden aber die meisten einen Brandanschlag auf Wohnwagen der Sinti und Roma im November 2010. Die örtliche WAZ schrieb damals u.a.: „19 brennende Wohnwagen verwandelten einen Parkplatz an der Katernbergerstraße zwischen Essen und Gelsenkirchen in der Nacht zum Freitag in ein Flammenmeer. Zahlreiche Sinti- und Roma-Familien hatten ihre Wohnmobile hier abgestellt. Der Sachschaden beträgt rund 200.000 Euro. Die Polizei geht nicht von einer Tat mit fremdenfeindlichem Hintergrund aus. Klicken Sie sich durch unsere Fotostrecke von Thomas Schmidtke.“ Feuerwehren aus Essen und Gelsenkirchen löschten in einem Großeinsatz den Brand, der rasch um sich griff, da die Wohnwagen dicht an dicht standen. Nach zwei Stunden hatten die Feuerwehrleute den Brand gelöscht, übrig blieb ein Trümmerfeld. (Ausführlicher Bericht damals in der WAZ.) Doch schon damals erschien es mir unerklärlich, warum die Ermittlungsbehörden so schnell einen rechtsextremen Hintergrund ausschließen konnten.

Die Gelsenkirchener DKP hat angesichts der jüngsten, beispiellosen Enthüllungen über die Verbrechen der Terroristen aus Zwickau nachgefasst und die örtliche Polizeibehörde  und die Staatsanwaltschaft Essen nach dem Stand der Ermittlungen zum Brandanschlag  gefragt. In einem am 5. Januar 2012 per E-Mail versandten Schreiben an den Polizeipräsidenten und die Staatsanwaltschaft Essen heißt es:

Sehr geehrter Herr von Schönfeld,
vor etwa einem Jahr brannten an der Katernberger Straße zwischen Essen und Gelsenkirchen 19 Wohnwagen ab. In dem Viertel lebten vor allem Sinti- und Roma-Familien, von denen viele ihre Wohnmobile auf dem Parkplatz über den Winter abgestellt hatten. Da es „eine Feuerschneise zwischen dem Brand gab“ (waz), ging die Polizei von Brandstiftung aus. In der Nacht sollen weglaufende Personen gesehen worden sein. Obwohl zahlreiche Sinti- und Roma-Familien von dem Brand betroffen waren, ging die Polizei – nach Presseberichten – „von Anfang an“ (!) nicht von einer Tat mit fremdenfeindlichem Hintergrund aus. Wie intensiv damals überhaupt in diese Richtung ermittelt wurde, ist uns bisher nicht bekannt.
Inzwischen hat sich herausgestellt: Fast ein Jahrzehnt lang sind deutsche Neofaschisten raubend und mordend durch das Land gezogen. Mindestens neun Männer türkischer und griechischer Herkunft und eine Polizistin sind seit 1998 der Gruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) zum Opfer gefallen – über 20 Menschen wurden bei Sprengstoffanschlägen der NSU verletzt. Die Bilanz des 20 jährigen Neonazi-Terrors unter den Augen der staatlichen Organe ist erschreckend: Über 140 Morde seit 1990, verschwiegene Tausende von Verletzten, unzählige oft unaufgeklärte Brandanschläge und Überfälle.
Wir fordern, dass vor dem Hintergrund dieses in den letzten Wochen ein Stück weit offengelegten braunen Terrors in unserem Land die bisherigen Ermittlungen hinsichtlich des Brandanschlages Anfang November 2010 in Gelsenkirchen öffentlich dargestellt, im Lichte heutiger Erkenntnisse überprüft und gegebenenfalls neu aufgenommen werden.
Hochachtungsvoll
gez. Rolf Jüngermann
(Sprecher der DKP Gelsenkirchen)

Auf die Antworten der Polizei und der Staatsanwaltschaft Essen bin ich gespannt. Wie die WAZ heute in ihrer Printausgabe berichtet, halten sich diese bislang bedeckt: Dem Staatsanwalt Marcus Schütz lag das per E-Mail versandte Schreiben noch nicht vor, Polizeisprecher Konrad Kordts konnte immerhin den Eingang bestätigen, doch da sein Chef am Freitag nicht im Präsidium war, gab es keine weitere Stellungnahme.

Wer die oben dargestellte Forderung unterstützen will, kann sich an die poststelle.gelsenkirchen@polizei.nrw.de wenden.

Auch in diesem Jahr …

Veröffentlicht in Kultur mit den Tags , am 16/12/2011 von Der rote Emscherbote

Wie zu jedem Jahreswechsel werden wir auch dieses Mal von allerlei Rückblicken in Presse und Fernsehen überschüttet. Auch der rote Emscherbote blickt ein wenig zurück. Da sich bei den 10 am meisten aufgerufenen Artikeln nichts wesentlich verändert hat, betrachten wir dieses Mal die Kommentatoren und die kommentierten Artikel.

Am häufigsten kommentiert wurden die folgenden Beiträge:
1. Koalitionspoker (II) 23 Kommentare
2. Der Ritterschlag 17 Kommentare
3. Die Diskussion um „so genannte“ Stolpersteine in Gelsenkirchen 2005/06 16 Kommentare
4. Wer ist Oliver Jahn? 16 Kommentare
5. Neuer Ersatz-Kaiser gewählt 15 Kommentare
6. Sex sells 14 Kommentare
7. Die Linke Alternative tritt zur Kommunalwahl an (III) 13 Kommentare
8. AUF und davon … 12 Kommentare
9. Neues aus der Anstalt (VIII) 10 Kommentare
10. Niederlage für linke Politik in Gelsenkirchen 10 Kommentare

Am häufigsten kommentiert haben

1. Dennis 48 Kommentare
2. strohmeier 47 Kommentare
3. Michael 21 Kommentare
4. entdinglichung 18 Kommentare
5. Andreas Jordan 17 Kommentare

Und damit war’s das für dieses Jahr. Mehr roter Emscherbote gibt es erst wieder ab Januar 2012. Bis dahin …

Zum Tod von Franz-Josef Degenhardt

Veröffentlicht in Kultur mit den Tags , am 15/11/2011 von Der rote Emscherbote

Wie gestern überall zu erfahren war, ist der Rechtsanwalt, politische Liedermacher und Schriftsteller Franz-Josef Degenhardt im Alter von 79 Jahren friedlich eingeschlafen. Ein schöner Tod, nach einem bewegten Leben, über das auch überall nachzulesen ist.

Persönlich habe ich Degenhardt, wie könnte es anders sein, nicht kennen gelernt. Das erste Mal vernahm ich seine Stimme von einer Schallplatte. Damals in den 1980er Jahren wurde ich durch Gewerkschaftsjugend und Friedensbewegung politisiert, und unvergessen bleibt mir das Lied „Es denken die Leute von gestern wieder an morgen.“ Musikalisch sehr einfach aber inhaltlich überaus hintergründig singt er aus der Perspektive eines, ich möchte sagen, typischen Stammtisch-Deutschen, der mit Hitlers Armee bis nach Stalingrad gekommen ist, nach dem Krieg dort mit Neckermann herumgereist ist und davon phantasiert, dass heute (=1981) „der AMI doch auf unserer Seite“ ist. „… wollen mal sehen/was er dann für Augen macht/der RUSSE/wenn auf einmal NATO-PANZER/auf dem Rasen stehen/in (unserem) Königsberg.“ Gekonnt und einfach zum Fürchten.

Davon angerührt legte ich mir damals seine beiden ersten Langspiel-Schallplatten (ja, war noch vor der Einführung der Compact Disc) zu, „Rumpelstilzchen“ und „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“. Letztere, in meinem Geburtsjahr 1965 veröffentlicht, war, wie überall zu lesen ist, sein erster großer Erfolg. Mir hat das Titellied des ersten Albums aus dem Jahre 1963, „Rumpelstilzchen“ immer wesentlich besser gefallen. Er nimmt sich hier, ebenso musikalisch einfach und ebenso hintergründig der bekannten Märchenfigur an. „Wenn morgens schon die Schule brennt,/wenn ein Pfarrer aus der Kirche rennt,/ein Schutzmann in die Pfütze fällt,/ein Hund durch ein Museum bellt,/wenn der Friedhofswärter, der niemals trinkt,/noch am offnen Grab an zu lachen fängt,/wenn der Mond sich vor die Sonne schiebt/und ein Greis ein Mädchen von siebzehn liebt,/da habe ich, mal kaum, mal viel, die Hand im Spiel./Ich bin mit jedem blutsverwandt,/doch bleibt mein Name ungenannt./Es ist gut, dass niemand weiß,/dass ich Rumpelstilzchen heiß./Hemba – hemba hé.“ Das Lied kann mit den darin vorkommenden italienischen Gastarbeitern seine Wurzeln in den 1960er Jahren nicht verbergen, heißt doch wenig später „seine Frau, schon ziemlich angegraut,/verträumt nach Italienern schaut,/die lachend um die Ecke gehen und stark aussehn.“

Degenhardt kritisierte beinahe beiläufig, in einem Nebensatz, und melancholisch, die beginnende Wohlstandsgesellschaft, indem er in „Zwischen zwei Straßenbahnen“ singt: „Und wollten ein Kind, doch es wurde ein Auto/mit Radio und Schiebedach./Das verbrauchte sein ganzes Gehalt als/Angestellter einer Versicherungsanstalt./Und da ging sie zu ihrem früheren Chef,/einem reichen Mann mit guten Manieren,/kreislaufgestört, ein Sportwagenfan,/diesen Mann tat sie verführen./Und bekamen noch ein Auto für sie/mit Radio und Schiebedach./Das verbrauchte ihr ganzes Gehalt,/für dreißig Nächte im voraus bezahlt.“

Degenhardt selbst nannte seine Lieder „Bänkel-Songs“ und bezeichnet sie als gesungene Geschichten, mit Schauer, Parodie und Melancholie. Einfach hörenswert! Immer noch!

Die rote Großmutter erzählt …

Veröffentlicht in Politik mit den Tags , , , , , , am 07/11/2011 von Der rote Emscherbote

Es sind nicht immer nur die „roten Großväter“, die viel erlebt haben. Marianne Konze, am 13. Februar 1929 geboren, inzwischen 82 Jahre alt, hat in ihrem Leben Faschismus und Krieg, die Befreiung durch alliierte Truppen und die Restaurationspolitik in der Nachkriegszeit erlebt. Geprägt wurde sie von Kindesbeinen an durch die politische Arbeit ihres Vaters. Dieser verließ Ende der 1920er Jahre Bayern und ging nach Thüringen, wurde von den Nazis zweimal inhaftiert und war unter anderem auch im „Strafbataillon 999″. Nach Kriegsende und Befreiung engagierte er sich dann beim Aufbau der DDR.

1953 kam Marianne ins Ruhrgebiet, der Liebe wegen, und heiratete Robert Konze. Ihr Mann wurde aus politischen Gründen vor Gericht gestellt und eineinhalb Jahre inhaftiert. Marianne engagierte sich Zeitlebens im gewerkschaftlichen, sozialistischen, friedens- und frauenpolitischen Spektrum. Seit der Gründung 1968 ist sie Mitglied der DKP. Und: In einem Alter, in dem sich andere bereits aufs Altenteil zurückgezogen haben, trat Marianne 2004 als Kandidatin der PDS/Offene Liste für die Bezirksvertretung Nord an und zog – selbst von ihrem Erfolg überrascht – dort ein. Bis 2009 vertrat sie dort die PDS bzw. ab 2007 Die Linke.

2009 feierte sie ihren 80. Geburtstag und ein Jahr später hielt sie beim Ostermarsch 2010 in Gelsenkirchen eine Rede zu 50 Jahren Ostermarsch. Hier erinnerte sie sich: „Ich selbst, 1929 geboren, habe Faschismus und Krieg erleben müssen. Am 13. Februar 1945, meinem 16. Geburtstag, brannte Dresden. Phosphor. Die Menschen sprangen brennend in die Elbe, doch sie brannten im Wasser weiter – da hab ich mir vorgenommen: Du wirst dein Leben lang mithelfen, dass so was nie wieder passiert. Und solch hart Gesottene gibt’s zum Glück ganz viele. Auch wenn wir uns oft anhören müssen: Quatsch, ihr könnt ja doch nichts ändern. Aber, liebe Anwesende, haben wir nicht schon viel geändert? Gerade deshalb werden unsere Aktionen und Forderungen heruntergespielt, kaum erwähnt. Die Herrschenden nehmen sie ernster, als wir das oft selbst tun.“

Mehr wird sie sicherlich am Donnerstag, 17. November 2011, ab 19 Uhr, im „Café liberté“ im Hinterhof des DGB-Hauses der Jugend, Gabelsberger Str. 12, 45879 Gelsenkirchen berichten. Die VVN Gelsenkirchen hat Marianne eingeladen und gebeten, aus ihrem Leben zu berichten. Eine Einladung, die sie gerne angenommen hat.

Die Linke hat den NRW-Schulnonsens diskutiert

Veröffentlicht in Bildung, Politik mit den Tags , , am 03/11/2011 von Der rote Emscherbote

Mehr als 20 Personen waren auf der heutigen Mitgliederversammlung der Die Linke zugegen, um über den NRW-Schulkonsens und dessen Folgen für Gelsenkirchen zu diskutieren. Darunter neben Mitgliedern der Linkspartei auch Mitglieder der DKP sowie wenigstens ein Parteiloser ;-)

Da Hilmar Schulz leider erkrankt war, musste Rolf Jüngermann ohne dessen Unterstützung den Part des Referenten übernehmen. Er fasste kurz den aktuellen Stand zur Einführung der Sekundarschule zusammen und kritisierte, dass damit faktisch die Zahl der Schulformen von bisher fünf (Hauptschule, Realschule, Gymnasium, Gesamtschule und Förderschule) auf sechs erhöht werde. Dies widerspreche vor der Wahl von SPD und Grünen geäußerten Positionen zur Schulpolitik.

In der Folge ging Rolf auf die Schulsituation in Gelsenkirchen ein, nannte die Anzahl der Schulen und stellte kurz an ein paar prägnanten Zahlen die prognostizierte, sinkende Entwicklung der Schüler- und Klassenzimmerzahlen dar. Besonders hob er hervor, dass seit Jahren die Zahl der Anmeldungen zur Gesamtschule höher seien, als die tatsächlichen Aufnahmen, so dass man davon ausgehen könne, dass der Bedarf an wenigstens einer weiteren Gesamtschule in Gelsenkirchen vorhanden sei.

In der bereits währenddessen einsetzenden Diskussion ging es um die Frage, wie die desolate Situation in Gelsenkirchen, angesichts der im Landesvergleich hohen Schülerzahlen ohne Schulabschluss und der ethnischen Segregation der Schüler beispielsweise in der Gesamtschule Ückendorf zu lösen sei. Natürlich ist kein Konzept in der Lage, jahrzehntelange Fehlentwicklungen „über Nacht“ zu ändern.

Verschiedene Ideen, wie Die Linke sich weiter mit dem Thema beschäftigen will, wurden geäußert. So gab es mehrere Wortbeiträge zur Beratung von Eltern. Rolf geht davon aus, dass es ein großes Maß an Gesamtschulbefürwortern unter den Gelsenkirchener Eltern gebe, die man darin bestärken könne, sich für ihre Kinder einzusetzen. Außerdem wurde eine weitere Veranstaltung unter dem Label „Bildungsratschlag“ vorgeschlagen, die sich intensiver mit den Konzepten beschäftigen, Fachleute einladen und ein Netzwerk begründen könne. Rolfs Empfehlung lautete jedoch klar, sich nicht als Gremium mit Forderungen an andere Gremien zu wenden, sondern die Rechte der Eltern durch deren Beratung zu stärken.

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Die Linke diskutiert den NRW-Schulnonsens

Veröffentlicht in Bildung, Politik mit den Tags , , , am 01/11/2011 von Der rote Emscherbote

Der „historische Schulkompromiss“ von CDU/SPD/Grüne im NRW-Landtag ist Thema auf der nächsten Mitgliederversammlung der Gelsenkirchener Linkspartei. Unter dem Titel „Schulkonsens – Schulnonsens“ sind als Experten Rolf Jüngermann und Hilmar Schulz angekündigt.

Rolf Jüngermann war lange Jahre Leiter des Referates Bildungspolitik im Landesvorstand der nordrhein-westfälischen Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), ist bekannt für seine Kritik des Gymnasiums und Mitglied der DKP. Hilmar Schulz ist persönlicher Referent von Gunhild Böth, der bildungspolitischen Sprecherin der Die-Linke-Landtagsfraktion NRW.

Der Schulkompromiss sieht bekanntlich vor, Haupt- und Realschulen durch Sekundarschulen zu ersetzen. Die CDU verzichtet dafür auf den Bestandsschutz für die Hauptschule in der NRW-Landesverfassung, während SPD und Grüne auf die Einführung der Gemeinschaftsschule verzichten und sich zum gegliederten Schulsystem bekennen.

Versammlungsort sind wegen der Herbstferien nicht die Berufsbildenden Schulen an der Königstraße, sondern das Die-Linke-Parteibüro, Bismarckstr. 65, 45881 Gelsenkirchen. Die Mitgliederversammlung findet dort am Donnerstag, den 03.11.2011 ab 19 Uhr statt. Weitere Punkte auf der Tagesordnung, die am Thema Interessierte hoffentlich nicht abschrecken, sind Finanzen, Berichte (u.a. vom Bundesparteitag in Erfurt) und Anträge.

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Zwangsarbeiter-Gräber auf dem Ostfriedhof in Hüllen werden gepflegt

Veröffentlicht in Kultur mit den Tags , , , , , , am 29/10/2011 von Der rote Emscherbote

Sehr schnell reagierte die Stadt Gelsenkirchen auf eine Anfrage der VVN Gelsenkirchen zum Gräberfeld für ausländische Zwangsarbeiter auf dem Ostfriedhof. 55 sowjetische Kriegsgefangene, 265 sowjetische Zwangsarbeiter, 39 polnische Zwangsarbeiter und 20 Zwangsarbeiter aus Belgien, Frankreich und den Niederlanden sind dort bestattet. Inzwischen wurde das Gräberfeld wieder würdig hergerichtet.

Nach einem Ortstermin am 9. August 2011 hatte die VVN in einem Brief auf den schlechten Erhaltungs- und Pflegezustand des Gräberfeldes hingewiesen. Die Grabkissensteine befanden sich auf einer großen Rasenfläche, die einen wenig gepflegten Eindruck machte. Viele Grabsteine waren mit Moos überwachsen, so dass die Namen und Daten kaum noch lesbar waren. Ein großer Unterschied war im Vergleich zum angrenzenden Gräberfeld für Bombenopfer festzustellen. Diese Gräber waren mit einer Reihe Steinkreuze versehen, mit Efeu bepflanzt und mit Steinplatten eingefasst und machten einen gepflegten Eindruck. Ein kurzer Bericht erschien ebenfalls auf der Homepage der VVN Gelsenkirchen unter der Überschrift „Erinnerung braucht Pflege – Ortstermin auf dem Ostfriedhof in Hüllen“.

Auf ihr Schreiben vom 1. September 2011 erhielt die VVN am 20. September 2011 eine Antwort. Dort heißt es, dass alle „Gräber der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft“ die gleiche Wertschätzung erführen, unabhängig von der Nationalität der Bestatteten. Zuletzt seien die Gräber der Zwangsarbeiter mit Efeustreifen gestaltet gewesen, die man wegen eines Pilzbefalls entfernt habe. Die zunächst angestellte Überlegung, die vorhandenen Grabkissensteine in der Rasenfläche zu belassen, wurde wieder verworfen, nachdem Maulwürfe und Kaninchen die Rasenfläche zerstört habe. Eine Gestaltung mit kleineren Staudenpflanzen sei vorgesehen, man bitte aber um Verständnis, dass die Neugestaltung einige Zeit in Anspruch nehmen werde.

Diese Neugestaltung begann jedoch weitaus schneller als erwartet. Wie man bei einem Besuch auf dem Hüller Ostfriedhof in dieser Woche feststellen konnte, waren die Grabkissensteine bereits von Moos und Schmutz gereinigt, mit Steinen eingefasst und bepflanzt worden. Es ist sehr erfreulich, dass die Stadt Gelsenkirchen und Gelsendienste so schnell reagiert haben.

Auf den Fotos lässt sich der Zustand vom 09.09.2011 mit dem vom 29.10.2011 vergleichen. Mehr Fotos hier.

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